Brauchen Kinder Regeln?

„Du musst deinem Kind auch mal ein paar Grenzen setzen! Kinder brauchen Regeln und Grenzen!“
„Wenn du ihm jetzt keine Grenzen aufzeigst, tanzt er dir bald auf der Nase herum!“
„Mein Kind braucht strenge Regeln. Ich merke das.“

So oder so ähnlich klingen Eltern, wenn sie über das große Thema Grenzen und Regeln in der Kindererziehung sprechen. Grenzen werden allzu oft gleichgesetzt mit Konsequenzen oder gar Strafen. Logisch, es klingt ja auch viel angenehmer, wenn ich sage: „Ich habe meinem Kind meine Grenzen gezeigt!“ als bei der eigentlichen Wahrheit zu bleiben und zu sagen: „Ich habe mein Kind für sein Fehlverhalten bestraft.“ Dass das aber den Kern der Sache eben genau trifft, nun gut…

Bei einer Sache stimme ich dem Mainstream jedoch zu: Kinder brauchen Regeln und Grenzen. Wie ich das meine, erzähle ich dir jetzt.

Grenzen, Regeln, Konsequenzen, Strafen: Wer soll da durch blicken?

Auch wenn diese Begriffe sehr oft in ähnlichen Zusammenhängen benutzt werden und damit der Eindruck entsteht, dass sie alle das selbe meinen, unterscheiden sie sich doch in vielerlei Punkten. Ob Kinder Regeln brauchen, ist nämlich abhängig davon, wie man Regeln definiert.

Eine Grenze ist „ein Rand eines Raumes und damit ein Trennwert, eine Trennlinie oder Trennfläche“ (siehe „Grenze“ beim Online-Wörterbuch Wortbedeutung.info (21.3.2020)). Der Begriff Grenze ist also faktisch erstmal ein geographischer. Nichtsdestotrotz benutzen wir im allgemeinen Sprachgebrauch oft das Wort „Grenze“ in anderen Zusammenhängen.

Eine Konsequenz ist die „Auswirkung einer Handlung, Folge“ (siehe „Konsequenz“ beim Online-Wörterbuch Wortbedeutung.info (21.3.2020)) und somit schon näher an dem, was Eltern in den oben genannten Beispielen wohl meinen.

Eine Strafe beschreibt den Umstand jemanden „eine unangenehme Erfahrung machen lassen, als Folge einer nicht erwünschten Handlung; eine Strafe auferlegen“ (siehe „Strafe“ beim Online-Wörterbuch Wortbedeutung.info (21.3.2020)). Strafen werden oft synonym mit den Begriffen Grenze oder Konsequenz verwandt, beschreiben aber keinen feststehenden Zusammenhang oder geografischen Fakt sondern immer eine von uns hergestellte Folge eines bestimmten Verhaltens.

Welche Grenzen gibt es eigentlich?

Abgeleitet von der Definition des Begriffes Grenze, verwende ich diesen auch bevorzugt im Zusammenhang mit Kindererziehung. Meiner Meinung nach trifft er den Nagel auf den Kopf, wenn ich mich an einer bindungs- oder bedürfnisorientierten Erziehung orientiere und mich von willkürlichen Strafen abgrenzen möchte. Warum ist es nun also für Kinder relevant, dass wir ihnen Grenzen und Regeln zeigen (nicht setzen!)?

Ganz einfach: Grenzen existieren.

Natürliche Grenzen

Unter natürlichen Grenzen verstehe ich alles, was aufgrund unserer Lebensumstände oder unseren Naturgesetzen existiert.

Beispiele:

  • ein Teller fällt runter und geht kaputt
  • rennt man auf die Straße, kann man von einem Auto verletzt werden
  • laufe ich in eine Pfütze, werden meine Füße vielleicht nass
  • ziehe ich im Winter keine Jacke an, könnte ich frieren
  • werfe ich mein Essen auf den Boden, muss ich es aufheben
  • kippe ich mein Wasserglas um, kann ich es nicht mehr trinken
  • gehe ich spät ins Bett, bin ich am nächsten Morgen müde
  • werden die Windeln nicht gewechselt, gibt es vielleicht einen wunden Po

Beim Lesen fällt dir sicher auf, dass nichts davon künstlich erzeugt oder konstruiert wird. Diese Dinge können in Folge einer bestimmten Handlung (also als Konsequenz daraus) passieren. Sie müssen aber auch nicht so passieren. Fakt ist, dass es diese natürlichen Grenzen gibt, sie existieren.

Persönliche Grenzen

Unter persönlichen Grenzen verstehe ich alles, was einzelne Individuen aus den ganz unterschiedlichen Gründen nicht möchten oder andersherum bevorzugen. Diese Grenzen sind nicht von einem Menschen auf den anderen Menschen übertragbar. Jeder von uns hat andere persönliche Grenzen und zumeist stehen hinter diesen Grenzen unsere Bedürfnisse.

Beispiele:

  • ich möchte bei der Einschlafbegleitung nicht gekratzt oder an den Haaren gezogen werden
  • ich möchte nicht, dass jemand auf meinem Teller matscht
  • ich möchte nicht mit Sand beworfen werden
  • ich möchte nicht, dass auf dem Sofa gehüpft wird
  • ich möchte nicht, dass Gegenstände absichtlich kaputt gemacht werden

Bei einigen der Beispiele kannst du schnell erkennen, welche Bedürfnisse hinter ihnen stecken. Andere persönliche Grenzen können wir durchaus in Abständen hinterfragen und für uns klären, ob es sich tatsächlich um eine unabdingbare Grenze handelt oder viel eher um einen alten Glaubenssatz in uns.

Soziale Grenzen

Dieser Punkt ist für viele sehr schwer zu greifen, denn unsere Glaubenssätze spielen hier eine große Rolle. Natürlich haben auch andere Menschen persönliche Grenzen und im öffentlichen Raum vermischen sich diese zu sozialen Grenzen.

Beispiele:

  • in Restaurants sprechen wir gemäßigt, um andere Gäste nicht zu stören
  • beim Arzt müssen wir warten bis wir dran sind
  • im Supermarkt dürfen wir uns nicht einfach vordrängeln, sondern müssen uns anstellen
  • in einer Bibliothek verhalten wir uns leise, um andere nicht zu stören
  • im Flugzeug stehen wir erst auf, wenn das Flugzeug steht
  • im Bus machen wir unseren Platz für Menschen frei, die nicht stehen können

Im Alltag mit Kindern stoßen wir Eltern sehr häufig an diese sozialen Grenzen und sind damit konfrontiert für diese Lösungen zu finden bzw. mit den Bedürfnissen unserer Kinder in Einklang zu bringen. Nicht alle scheinbar sinnvollen sozialen Grenzen sind auch wirklich sinnvoll. Da wir aber in einer Gesellschaft bewegen, die wenig auf Kinder ausgerichtet ist, sind soziale Grenzen oft weniger flexibel.

Willkürliche Grenzen oder auch Strafen

Zu den Klassikern der Kindererziehung gehören die willkürliche Grenzen bzw. Strafen. Warum du auf Strafen und Lob in deiner Erziehung verzichten solltest, habe ich hier schon ausführlich beschrieben.

Beispiele:

  • wenn der Teller runter fällt, gibt es nichts mehr zu essen
  • wenn du auf die Straße läufst, dann gehst du früher ins Bett
  • wenn du nicht hörst, darfst du nicht mehr fernsehen
  • wenn du deine Schwester haust, musst du in dein Zimmer gehen
  • ärgerst du den Hund, dann gibt es keinen Nachtisch

All diese scheinbaren „Konsequenzen“ sind weder logisch noch nachvollziehbar. Sie stehe in keinem unmittelbaren, direkten Zusammenhang mit der Tat und somit können Kinder aus diesen Strafen (denn das sind einzig und alleine Strafen) nichts lernen.

Willkürliche Grenzen sind wiederum alle Grenzen, die ich als Mama oder Papa setze ohne diese hinterfragt zu haben. Auch persönliche Grenzen können willkürlich sein! Dabei sind diese nicht unbedingt mit Strafen gleichzusetzen.

Ich sage: „Ich möchte nicht, dass du das Buch aus dem Regal nimmst.“ Dies kann eine logische, persönliche Grenze sein, wenn das Buch für mich wichtig ist. Aber es kann auch sein, dass ich dies willkürlich verkünde und bei näherem darüber Nachdenken nicht beantworten kann, warum ich das nun nicht möchte.

Wie du merkst, haben unsere Grenzen im Alltag eine ganze Menge mit Selbstreflexion zu tun und wir sind in der Verantwortung unsere individuellen Grenzen, sowie die sozialen Grenzen immer wieder zu hinterfragen. Im Sinne unserer Kinder.

Wofür brauchen Kinder Regeln und Grenzen?

Erinnerst du dich noch an den Tag, als du ganz neu in deinem Job warst? Du kanntest niemanden, du wusstest nicht wie die Dinge hier laufen und du hast dich vermutlich innerlich nach Orientierung gesehnt. In dieser Situation sind wir sehr dankbar für andere Menschen, die uns ein wenig an die Hand nehmen und uns erzählen, zeigen, wie der Laden läuft.

Ungefähr so geht es auch Kindern.

Wenn unsere Kinder auf die Welt kommen und älter werden, dann geht es ihnen im Grunde so, wie uns am ersten Arbeitstag. Sie sehnen sich nach jemandem, der sich auskennt, der weiß wie die Dinge funktionieren und der ihnen diese Umstände erklärt und zeigt. Dieser Jemand bist du, als Bezugsperson für dein Kind.

Alle Menschen haben gemein, dass sie im Kern hochsoziale Wesen sind. Wir leben bevorzugt in einer Gemeinschaft aus mehreren Menschen, eher wenige sind Alleingänger. Jede Gemeinschaft hat wiederum ihre ganz eigene Dynamik, ihre eigenen Bedingungen und eben Grenzen. Was wir im großen gesamtgesellschaftlich wieder finden, lässt sich auch auf jede einzelne Familie übertragen. Denn jede Familie hat natürliche, persönliche und soziale Grenzen.

Kinder erwarten von Eltern, dass sie klüger, weitsichtiger, vernünftiger und dabei immer liebevoll und zugewandt sind. Diese Grundhaltung von Eltern gibt ihnen Sicherheit und das Gefühl von Zugehörigkeit. Genau so, wie wir uns auch sicherer und zugehöriger fühlen, wenn uns jemand am ersten Arbeitstag an die Hand nimmt.

Insofern ja, brauchen Kinder Regeln und Grenzen.

Brauchen Kinder Regeln? Ein paar Grundannahmen für den Alltag

Ein paar Grundannahmen über Kinder im Allgemeinen können dir dabei helfen einen kindgerechten Umgang mit Grenzen zu etablieren.

  1. ein Kind handelt immer im Sinne seiner Bedürfnisse⠀
  2. es agiert niemals gegen mich⠀
  3. Kinder sind zwar unreif, aber sie haben einen respektvollen, gleichwürdigen Umgang verdient⠀
  4. wir Eltern tragen die Verantwortung für unser Kind – nicht andersherum⠀
  5. Konflikte lassen sich lösen und wenn nicht, dann muss ich die Trauer oder den Frust meines Kindes begleiten⠀
  6. Kinder suchen sehr kreativ nach Lösungen⠀

Ich hoffe mein Beitrag hat dir geholfen und für ein wenig mehr Klarheit in Bezug auf Grenzen und Regeln in der Kindererziehung gesorgt.

2 Kommentare zu „Brauchen Kinder Regeln?“

  1. Ich bin heute auf den Blog gestoßen und finde die Themen grundsätzlich gut. Ich finde es nur ehrlich gesagt sehr merkwürdig, dass ich immer nur lese was ich alles nicht machen soll und wie unlogisch manche Erziehungsmethoden sind. Das ging mir bei Insta schon genauso. Ich swipe bei den Beiträgen und lese und lese was man alles falsch macht in der Erziehung, aber ich persönlich finde dass dann häufig die Lösungsansätze fehlen. So wie in dem Artikel über Regeln. Wenn ich das Laufen auf die Straße nicht mit Fernsehverbot „bestrafen“ soll, was wäre im Sinne der Autorin dann die Alternative? Der Artikel ist dann plötzlich zu Ende und ich hab mal wieder nur Fragezeichen im Kopf. Was denn nun? Nur zu lesen, was man alles nicht machen sollte und dann ohne adäquate Alternativvorschläge, dass verwirrt mehr als alles so zu lassen wie es vorher war.

    1. Hallo Anja, vielen Dank für deinen Kommentar und schön, dass du zu Erziehungspoesie gefunden hast. <3 Du findest unter meinen Beiträgen sehr viele Anregungen, Impulse und Ideen, wie du Erziehung im Alltag bindungsbasiert gestalten kannst. Auch auf meinem Instagram-Profil findest du zahlreiche Beiträge, Storys und Videos, in denen ich konkrete Vorschläge mache.
      ABER ich kann immer nur Impulse geben. Als Eltern sind wir auch immer in der Eigenverantwortung und sollten neben allen Tipps unseren eigene Weg suchen.
      Ich hoffe, dass ich mit meinen Beiträgen zum Nachdenken anregen kann und unterstütze gerne bei der Umsetzung (vor allem im direkten Austausch in meinen Kursen), wenn Eltern das wünschen.
      Liebe Grüße, Sina <3

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