Sina Fricke von Erziehungspoesie über Glaubenssätze

Über Glaubenssätze im Mama-Alltag

Ich bin erschöpft, liege am Ende des Tages ermattet auf dem Sofa und mag mich nicht mehr bewegen. Oh nein, das Babyphone knackt schon wieder – das Kind ist wieder wach. Also raffe ich mich wieder auf, gehe ins Kinderzimmer, beruhige, streichle und kuschele wieder in den Schlaf. Jetzt bloß lange genug abwarten, dann wieder raus schleichen. Sei bloß leise, sonst fängst du wieder von vorne an, ermahne ich mich in Gedanken. Puh, geschafft. Jetzt wieder zurück aufs Sofa, hoffentlich ist jetzt endlich Feierabend. Ich möchte gerne ein bisschen jammern, über zu wenig Schlaf und unruhige Abende, aber reiße mich dann doch wieder zusammen. Nein, Mütter jammern nicht. Schließlich habe ich mir das ja so ausgesucht! Oder? Dürfen Mamas vielleicht doch jammern? Dieser Konflikt verschiedener Glaubenssätze in mir tobt recht oft. Das ist meine Mama-Realität und es ist okay, aber irgendwie auch wieder nicht.

Vorstellung vs. Realität

Bevor unser Sohn geboren wurde, habe ich wie wohl die meisten Eltern, ganz klare Vorstellungen davon gehabt, wie es ist „Mama“ zu sein. Ich fand den Gedanken beflügelnd so verantwortlich für ein kleines, hilfloses Wesen zu sein. Die Vorstellung von meinem Mann und mir mit Kind war für mich einfach perfekt. Während meiner Schwangerschaft bereitete ich mich also im Rausche dieser Vorstellung emsig auf die Geburt und Ankunft unseres Sohnes vor. Ich las alles was ich über das Stillen, Babyschlaf, Erziehung, Gestaltung eines Kinderzimmers, Geburt und Wochenbett so finden konnte. Als der Geburtstermin immer näher rückte, fühlte ich mich bereit. Na ja, eigentlich fühlte ich mich vor allem rund und unbeweglich, aber eben auch bereit für das was da kommen möge. Pünktlich am errechneten Geburtstermin war unser Sohn dann da. Wir waren im Glück.

Wenige Tage nach der Geburt, wir waren endlich wieder Zuhause, setzte das ein, was man gemeinhin als Babyblues bezeichnet.

Baby-Blues ist der populärwissenschaftlicher Ausdruck für eine nachgeburtliche Dysphorie bzw. Wochenbettdepression, bei der es sich um psychische Veränderungen unmittelbar nach der Geburt eines Kindes handelt (Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Traurigkeit und Stimmungsschwankungen). Etwa zehn Prozent der Mütter sind von einem solchen Stimmungstief betroffen. Nach neuesten Forschungen ist ein Enzym die Ursache für die Wochenbettdepression bei Frauen einige Tage nach der Geburt, wobei diese Wochenbettdepression in der Regel nach einigen Tagen von selbst verschwindet. Bekanntlich fällt in den ersten drei bis vier Tagen nach der Geburt der Östrogenspiegel sehr stark, woraufhin die Konzentration der Monoamin-Oxidase A ansteigt. Die Monoamin-Oxidase A sammelt sich vier bis sechs Tage nach der Entbindung im Gehirn der Mütter an und baut dort Botenstoffe für das positive emotionale Erleben wie Serotonin ab. Davon zu unterscheiden ist die postpartale Depression, die in der Regel wesentlich später auftritt. (Stangl, 2019).

Stangl, W. (2019). Stichwort: ‚Baby-Blues‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: https://lexikon.stangl.eu/12636/baby-blues/ (2019-11-12)

Mich überkam ein Gefühl der Überforderung, ich fühlte mich plötzlich erdrückt von der Verantwortung, die da in meinen Armen lag. Fleischgewordene Verantwortung.

Plötzlich war mir alles zu viel: das Stillen, der wenige Schlaf, die fehlende Freiheit, das Gefühl des Versagens. Alles drohte wie eine riesige Welle über mir zusammen zu klatschen und mich darunter zu begraben. So hatte ich mir das nicht vorgestellt! In meiner immer größer werdenden Verzweiflung begann ich für mich nach Stressfaktoren zu suchen, die ich reduzieren konnte. Ich erkannte, dass es jetzt dringend an der Zeit war zu handeln, aktiv zu werden. Denn das, was da so vermeintlich freundlich an meiner gut verbarrikadierten Tür klopfte war ein alter Bekannter. Depression.

Depression und Abstillen

Bereits zwei Jahre vor der Geburt unseres Sohnes bekam ich eine Diagnose gestellt, die mein Leben, das Leben von meinem Mann und mir, gehörig umkrempelte. Depression.

Eine Depression ist eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann.

WHO (2019): Definition einer Depression. http://www.euro.who.int/de/health-topics/noncommunicable-diseases/pages/news/news/2012/10/depression-in-europe/depression-definition

Viele Mamas werden vor allem an die berühmt-berüchtigte Wochenbettdepression denken und ja – genau davor fürchtete ich mich. Ich fürchtete mich, dass aus einem Gefühl der Überforderung wieder mehr würde, etwas ziemlich düsteres. Also machte ich einen Schritt, für mich persönlich, in Richtung Überleben: ich stillte meinen Sohn nach zwei Monaten ab.

In Absprache mit meiner Hebamme testeten wir zunächst, ob unser Sohn problemlos eine Flasche annahm und ich pumpte einige Tage ab. Er trank ganz wunderbar und ohne das kleinste Problem aus der Flasche – welch eine Erleichterung. Oh ja, ich tat das aus guten, wichtigen Gründen und ich machte mir diese Entscheidung wahrlich nicht leicht. Aus irgendeinem Grund war das Stillen, auf das ich mich die ganze Schwangerschaft über so gefreut und vorbereitet hatte, plötzlich zum Sinnbild meiner Überlastung geworden. Ich fühlte mich unwohl damit und dadurch völlig aus dem Gleichgewicht. Eine gefährliche Kombination für jeden, der mit einer psychischen Erkrankung Erfahrungen sammeln durfte. Aber egal wie begründet diese Entscheidung für mich war, eines blieb in meinem Hinterkopf – ein furchtbar schlechtes Gewissen und das Gefühl versagt zu haben. Warum?

Die Illusion der romantischen Elternschaft

Ich hatte die besten Gründe für meine eigene Gesundheit und damit zwangsläufig auch für mein Kind dringend Verantwortung zu übernehmen. Aber ich fühlte mich dennoch schlecht dabei. Warum? Weil so etwas in einer idealisierten Mutter-Vater-Kind-Beziehung nicht sein darf! Weil gerade das Rollenbild von Müttern immer noch zu Lasten der Bedürfnisse von eben diesen geht.

  • Mütter sind selbstlos
  • Mütter sind aufopferungsvoll
  • Mütter stillen egal was kommt
  • Mütter lächeln ihr Baby immer selig an
  • Mütter sind niemals müde und gereizt
  • Mütter riechen nicht nach Schweiß und geronnener Milch
  • Mütter tragen ihr Baby am Körper und schmeißen gleichzeitig den Haushalt
  • Mütter sind direkt nach der Geburt topfit
  • Mütter schmieren perfekte Pausenbrote
  • Mütter jammern nicht

Sicher sind dir auch schon einige dieser gesellschaftsübergreifenden Glaubenssätze begegnet. Vielleicht bist du auch schon dem einen oder anderen davon verzweifelt.

Mutterschaft wird auch heute noch sehr stark idealisiert und dies erzeugt unwillkürlich einen immensen Druck auf jede von uns. Sei es durch fremde Erwartungen, als auch durch die eigenen. Idealvorstellungen, wie eine Mutter sein sollte, um letztlich als „gute Mutter“ zu gelten, werden uns nahezu überall präsentiert und machen es unmöglich sich diesen zu entziehen.

Fricke, Sina (2019): Starke Mütter. https://www.erziehungspoesie.de/wissenschaft/starke-mutter/

Glaubenssätze sind Annahmen bzw. Gedanken in deinem Inneren, die dort so fest verankert sind, dass sie für dich persönlich auch wahr sind – ganz egal ob das wirklich so ist oder nicht. Es gibt gute Glaubenssätze und schlechte Glaubenssätze in jedem von uns, die wir immer und immer wieder denken. Als ich mich mit dem Abstillen zum Selbstschutz (ja, so drastisch war es wirklich für mich) beschäftigte, tauchte in meinem Kopf immer wieder ein Glaubenssatz auf. Er schrie mich förmlich an und sagte mir mit aller Macht: Wenn du nicht mehr stillst, hast du versagt und bist eine schlechte Mutter. Du hast versagt. Im ersten Impuls verleugnete ich also, warum ich diese Entscheidung getroffen hatte und behauptete auf Nachfrage, dass eine schwere Brustentzündung der Grund für das Abstillen gewesen sei. Ich wurde von diesem negativen Glaubenssatz so stark gelenkt, dass meine Angst vor Ablehnung durch andere und meine Schuldgefühle meinem Sohn gegenüber mich fast das ein halbes Jahr lang stark belastete. Erst, als unser Sohn anfing immer weniger „babyhaft“ zu sein, ließen diese Gefühle etwas nach und ich erkannte, was in mir da eigentlich für ein Sturm tobte. Ich erkannte, dass meine eigene Vorstellung von einer romantischen Mutter- bzw. Elternschaft mich über ein halbes Jahr lang massiv gequält hatte. Und das dies die Folge eines gesellschaftlich indoktrinierten Rollenbildes war.

Glaubenssätze im Mama-Alltag

In unserem stressigen Alltag als Mama gibt es vermutlich dutzende von solchen negativen Glaubenssätzen, die dich mehr oder weniger stark beeinflussen, bremsen und quälen. Diese Glaubenssätze entstehen bereits in frühester Kindheit in uns und erscheinen uns, das ist ihre Natur, als absolute Wahrheit. Doch Glaubenssätze sind nicht wahr sondern lediglich eine Illusion von Wahrheit. Einmal erkannt und entlarvt, können wir diese Gedanken langfristig hinter uns lassen und unser Leben deutlich entspannter und zufriedener verbringen. Mit einigen Jahren persönlicher Erfahrung in Psychotherapie und jeder Menge Selbstreflektion, konnte ich einige meiner negativen Glaubenssätze bereits hinter mir lassen. Auch meinen Glaubenssatz in Bezug auf das Abstillen und mein persönliches Versagen, habe ich mit einiger Arbeit aufgelöst. Ich möchte dir daher gerne ein paar Ideen mit auf den Weg geben, wie du deine negativen Glaubenssätze finden und im besten Falle sogar loswerden kannst. Grundsätzlich lässt sich jeder negative Glaubenssatz auflösen, allerdings sind manche deutlich hartnäckiger als andere.

  1. Glaubenssätze sammeln: Überlege dir, welche Sprichwörter, fremde Meinungen oder allgemeingültige Annahmen so durch deinen Kopf schwirren. Die Klassiker sind zum Beispiel: „Du schaffst das sowieso nicht!“, „Da bist du zu doof für.“, „Du warst eben schon immer ein Pummelchen.“ oder „Geld alleine macht nicht glücklich.“ Wenn du diese Liste hast, bist du schon ein sehr großes Stück auf dem Weg der Auflösung gegangen. Ich behaupte, dass dies der wohl schwierigste Schritt ist. Aber eben auch die Voraussetzung für alles weitere.
  2. Glaubenssätze vorlesen: Jetzt lies dir deine Glaubenssätze durch. Vielleicht denkst du bei einigen von ihnen bereits beim ersten Lesen, dass sie blödsinnig sind. Dann darfst du diesen schon von der Liste streichen – er ist höchstwahrscheinlich nicht mehr aktiv. Bei den anderen beobachtest du deine Gefühle. Fühle, was diese Sätze in dir auslösen. Lass es einfach durch dich durchfließen. Und dann lässt du los. Stell es dir wirklich bildlich vor, verbinde es mit deiner Atmung und schließe mit diesem Gedanken ab.
  3. Glaubenssätze hinterfragen: Einige Glaubenssätze sind sehr, sehr ausdauernd. Daher wird es nicht reichen sie nur auf diese Art loszulassen. Du musst mit ihnen aktiv arbeiten. Eine wunderbare Technik ist das Abändern von Glaubenssätzen. Dein Glaubenssatz lautet: „Ich bin eine schlechte Mutter.“ Mach dir klar, das ist falsch. „Ich bin keine schlechte Mutter.“ Und jetzt ändere ihn ab: „Ich mache vieles richtig und begleite meine Kinder jeden Tag voller Liebe.“

Auf diese Art und Weise konnte auch ich meinen Glaubenssatz zum Abstillen loslassen. Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit geschlossen und bin mir sicher, dass ich die bestmögliche Entscheidung für meinen Sohn, meine Familie und mich getroffen habe. Denn unsere negativen Glaubenssätze können uns zwar stark beeinflussen, aber wir haben immer die Möglichkeit diese ziehen zu lassen.

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