John Bowlby

Der englische Kinderpsychiater John Bowlby begründete in den 1950er Jahren die Bindungstheorie, die sich gegen die Triebtheorie von Freud stellte und somit mit dieser brach.

John Bowlby wurde im Jahr 1907 geboren und wuchs in wohlbehüteten Verhältnissen auf. Wie für
die damaligen Verhältnisse üblich, sah er seine Mutter nur wenige Stunden am Tag und wurde bis
zu seinem dritten Lebensjahr von einem Kindermädchen großgezogen. Diese Form der Erziehung
war in England normal, da davon ausgegangen wurde, dass eine zu enge Bindung die Kinder
verweichlichte. Mit nur acht Jahren kam er in ein Internat. Bereits mit 17 Jahren entschloss er
sich, Medizin zu studieren und trat ein Studium in Medizin und Psychologie an der Universität von
Cambridge an.

Schon während des Studium arbeitete er mit verhaltensauffälligen Kindern und unterbrach dieses
sogar dafür. Zu dieser Zeit wurde ihm empfohlen, sich als Psychoanalytiker ausbilden zu lassen,
was ihm jedoch missfiel, da ihm zeitig klar wurde, dass sich diese zu wenig mit der Realität
beschäftigen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als Armeepsychiater tätig war, baute er an der Tavistock
Klinik eine Abteilung für Kinderpsychologie auf. Im Jahr 1950 wurde Mary Ainsworth Teil seines
Teams, die bei der Entwicklung der Bindungstheorie eine große Rolle spielen sollte. In den
folgenden zehn Jahren entwickelte er diese Theorie, die später zu seinem Hauptwerk werden
sollte.

John Bowlbys Bindungstheorie

Seine persönlichen Erfahrungen aus der Kindheit und seine eigene Arbeit mit verhaltensauffälligen
Kindern während des Studium dürfte zum großen Teil zur Entwicklung der Bindungstheorie
beigetragen haben.

Die Veröffentlichung seiner Arbeit zur Bindungstheorie im Jahr 1951 stieß unter den
Psychoanalytikern auf große Empörung, da sie die Freud’sche Triebtheorie in Frage stellte.
Die Triebtheorie von Freud besagt, dass sich Babies durch das Stillen an die Mutter binden und
somit die Befriedigung von rein körperlichen Bedürfnissen zu einer solchen Bindung führt.
John Bowlby stellte dagegen fest, dass Babies das Bedürfnis haben, permanent Nähe
aufzubauen und dass dadurch Bindung entsteht. Sind Babies ihren Bindungspersonen nahe,
fühlen sie sich gut. Deshalb suchen sie bei ihnen nach Nähe, Schutz und Zuwendung.
Dieses Bindungsverhalten beginnt direkt nach der Geburt. Liegt das Baby beispielsweise auf der
Brust der Mutter oder des Vaters, beginnt es bereits eine Verbindung aufzubauen. So merkt es
sich seine Bindungspersonen und baut Nähe auf. Diese Bindung zeigt sich dann ganz besonders,
wenn das Baby verlassen wird, zum Beispiel indem es schreit oder sich festklammert. So drückt
es seine Ängste aus und zieht sich emotional zurück. Deshalb ist es wichtig, dass die
Bindungspersonen dem Kind Sicherheit geben und es beschützen.

John Bowlby genießt breite Akzeptanz

John Bowlbys Theorien fanden erst durch die empirischen Untersuchungen seiner langjährigen
Mitarbeiterin, der Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, größere Aufmerksamkeit und
Akzeptanz.

So fand Mary Ainsworth zum Beispiel heraus, dass die Feinfühligkeit für das Bindungsverhalten
besonders wichtig ist. Das bedeutet, dass die Bindungsperson die verschiedenen Zeichen im
Verhalten des Babies wahrnimmt, richtig interpretiert und entsprechend reagiert.
John Bowlbys theoretisches Konzept wurde von ihm in der Trilogie „Bindung“, „Trennung“ und
„Verlust“ veröffentlicht.

Die Bindungstheorie ist die Grundlage für eine Vielzahl weiterer Forschungen in diesem Bereich
und ist bis heute anerkannt.

Auch wenn die Zeit zwischen 1950 und 1970 seine aktivste war, so war John Bowlby bis kurz vor
seinem Tod im Jahr 1990 äußerst produktiv. So veröffentliche er in seinem letzten Lebensjahr
noch seine Biografie über Charles Darwin, mit dem er sich sein ganzes Leben lang identifiziert hat
und der für ihn ein großes Vorbild war.