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Wie du die Beziehung zu deinem Kind verbessern kannst

In meinem vorherigen Artikel „Kinder richtig erziehen: ohne Strafen und Belohnungen“ hast du bereits gelesen, warum es für dich und die Beziehung zu deinem Kind absolut Sinn macht auf Strafen und Belohnungen zu verzichten. Es ist ganz und gar menschlich, dass du jetzt wahrscheinlich das Gefühl hast es wurde dir etwas weggenommen und nun muss diese Leere durch etwas neues ausgefüllt werden. Ich verrate dir, warum das nicht sein muss. Besser noch, warum du nichts „neues“ braucht und gebe dir acht Ratschläge an die Hand mit denen du leichter ohne Strafen und Belohnungen leben kannst und gleichzeitig die Beziehung zu deinem Kindern verbessern kannst.

Leitlinien für eine gute Beziehung zu deinem Kind

Erinnerst du dich noch an meine Worte vom letzten Mal?

Liebe dein Kind, bedingungslos und so wie es ist. Ohne Wenn und Aber. Ohne Angst davor zu verlieren, deine Position als Mächtige(r) aufzugeben und in einem Strudel des Chaos zu versinken. Glaube mir, es wird nicht passieren.

Sina in Kinder richtig Erziehen

Damit könnte zu dem Thema „wie erziehe ich denn nun richtig?“ eigentlich schon alles gesagt sein. Aber sind wir mal ehrlich: das klingt viel zu einfach um wahr zu sein. Und der Mensch (auch ich) ist durstig nach Anleitungen, Erklärungen und ultimativen Tipps mit denen endlich alles viel besser klappt. Warum lesen wir sonst alle so gerne Ratgeber? Also blicken wir noch ein letztes Mal zurück auf das, was Leitlinien für eine gute Beziehung zu deinem Kind sein können.

  • Finde dich selbst und lebe Authentizität
  • Sieh dein Kind immer positiv
  • Höre mehr zu, rede selbst (viel!) weniger
  • Sei aufmerksam
  • Entschuldige dich, wenn es nötig ist und auch wenn es das nicht ist
  • Lebe Gleichwürdigkeit
  • Erkläre Dinge, die du sagst und tust und möchtest
  • Lass deine Kinder teilhaben, selber erfahren und entscheiden

Tipps um die Beziehung zu deinem Kind zu verbessern

Mithilfe der acht Leitbilder kannst du als Mutter die Beziehung zu deinem Kind fernab von alten, autoritären Erziehungsideologien auf eine neue Ebene führen bzw. überhaupt erstmal eine Beziehung zu deinem Kind herstellen.

Finde dich selbst und lebe Authentizität

Am Anfang einer Beziehung stehen immer zwei Individuen. In unserem Falle bist das du auf der einen Seite und dein Kind auf der anderen. Ihr seid beide gleich wichtig in dieser Beziehung, denn fehlt einer gibt es logischerweise auch keine Beziehung sondern nur ein einzelnes Individuum.

Worauf möchte ich hinaus?

Geht es um Kindererziehung setzen viele, vermutlich fast alle, Ansätze immer zuerst beim Kind an. Das ist in meinen Augen absolut falsch. Ausgangspunkt sind die Eltern, bist du, denn in diesem Wechselspiel der Beziehung geben wir besonders in den ersten Jahren am meisten in die Beziehung hinein. Also sollte das, was du hineingibst, auch das sein, was du hineingeben möchtest oder?

Voraussetzung dafür ist, dass wir als Eltern zunächst einmal bei uns sind. Es ist wichtig, dass wir mit uns im Reinen sind: wissen WER wir sind, WAS uns wichtig ist und WIE wir das erreichen möchten. Dafür musst du kein Jahr im Schweigekloster verbringen oder ein Yoga Retreat auf Bali buchen. Es reicht, wenn wir uns darüber überhaupt Gedanken machen und uns immer wieder selbst hinterfragen.

Dann, wenn wir es geschafft haben unser Selbst für uns zu definieren, können und müssen wir es unseren Kindern vorleben und dabei authentisch sein. Synonyme für Authentizität sind Echtheit, Glaubwürdigkeit, Sicherheit, Verlässlichkeit, Wahrheit. Das klingt doch gut oder nicht? Das sind Werte, die man seinem Kind gerne mit auf den Weg gibt. Also lebe diese Synonyme, jedes für sich.

  • Sei echt in deinen Gefühlen – deine Kinder dürfen erfahren, was Mama wütend, traurig oder glücklich macht
  • Bleibe glaubwürdig und stehe hinter dem was du sagst
  • Sei dir deiner sicher und zeige deinen Kindern deine (Selbst-)Sicherheit
  • Zeige, wie verlässlich/zuverlässig du für deine Kinder und deine Umwelt bist. Lebe vor, dass sich deine Lieben immer auf dich verlassen können.
  • Sei ehrlich, vermeide es zu lügen oder anderen etwas vorzumachen

Das klingt anstrengend, ist es auch. Aber es wird jede Mühe wert sein. Denn deine Kinder werden dein Verhalten spiegeln und sich an dir orientieren. Also lebe ihnen vor, was du dir für sie wünscht.

Sieh dein Kind immer positiv

Fundamental wichtig für eine gute Beziehung zu deinem Kind ist, dass du immer (!) positiv von ihm/ihr denkst. Schieb jeden verdammten Gedanken von „er macht das um mich zu manipulieren“ oder „wenn ich ihr das jetzt durchgehen lasse, dann“ beiseite. Lies nochmal nach, woher diese Kinderbilder kommen (HIER) und dann überlege, ob du wirklich Grund zur Annahme hast, du dürftest nicht positiv von deinem Kind denken.

Stell dir vor, du siehst dein Kind mit einem Stein in der Hand. Um es herum spielen andere Kinder. Was würdest du tun?

Würdest du rufen: „Leg den Stein weg! Wir werfen keine anderen Kinder mit Steinen ab! Das tut denen weh!“ Und dann schnell hingehen, deinem Kind den Stein aus der Hand nehmen und es dafür ausschimpfen, dass es jemanden hätte verletzen können.

Oder würdest du es beobachten. Sehen, dass dein Kind den Stein in der Hand gedankenversunken befühlt. Rüber gehen, sich dazustellen und fragen, ob du den Stein einmal haben darfst? Den Stein in der Hand wiegen und ihn dann deinem Kind zurückgeben mit den Worten „Das ist ein schöner Stein. Sei vorsichtig damit.“ Und dann wieder gehen.

Hör mehr zu, rede selbst (viel!) weniger

Wir Erwachsenen reden unheimlich gerne. Meist, weil wir wichtig finden, was wir so zu sagen haben. Sicher ist es das auch oft. Aber im Zusammenleben mit Kindern ist zu viel reden gerne fehl am Platz. Wir vergessen dadurch unseren Kindern zuzuhören und nehmen es immer seltener wahr, wenn sie versuchen uns etwas zu erzählen oder geben ihnen gar nicht erst die Möglichkeit dazu sich zu erklären.

Mein Vorschlag für die nächste Stresssituation oder wenn du dich über dein Kind ärgerst: rede nicht selbst, sondern frage dein Kind nach seiner Motivation für die derzeitige Handlung.

Ich gebe dir gerne ein Beispiel dafür:

Ihr seid im Stress. Wie jeden Morgen musst du pünktlich zur Arbeit aber deine Tochter ist immer noch nicht angezogen. Schon dreimal hast du sie aufgefordert sich endlich eine Hose anzuziehen aber als du das nächste Mal in das Kinderzimmer schaust, sitzt sie immer noch vor dem Schrank – ohne Hose.

An dieser Stelle könntest du jetzt, bereits früh morgens völlig gestresst und mit Blick auf die Uhr, böse werden und dein Kind ausschimpfen. Am Ende ziehst du deiner Tochter selbst die Hose an – natürlich unter großem Gebrüll. Eure Nerven liegen blank und du fragst dich, warum zur Hölle muss das jeden Morgen so ablaufen?

Oder aber du trittst einen Schritt zurück, atmest tief durch und erinnerst dich daran: mehr fragen, weniger selbst reden (schimpfen). Statt böse zu werden, gehst du zu deiner Tochter und fragst sie, warum sie noch nicht angezogen ist. Tue es auf Augenhöhe, hock dich zu ihr und versuche deinen Stress für eine Sekunde zu vergessen. Dann erzählt dir deine Tochter vielleicht, dass sie keine Hose sondern einen Rock anziehen möchte. Aber Mama hat nur gesagt „Zieh deine Hose an.“ So steckte sie in der Situation fest und konnte sich nicht fertig anziehen. Alles ohne damit eine böse Absicht zu verfolgen.

Sei aufmerksam

Aufmerksamkeit ist für Kinder wie Dünger. Sie lässt sie wachsen und erblühen. Nur haben wir Erwachsenen scheinbar vergessen, wie man wirklich Aufmerksamkeit schenkt. Für viele von uns bedeutet aufmerksam sein, dass sie ihre Kinder für viele kleine Dinge im Alltag loben. „Toll gemacht“, „Bravo“ und „Super“ sind schnell ausgesprochen und kosten uns selbst keine große Mühe. Ich kann ohne Probleme mein Kind mit einem „Super gemacht“ abspeisen ohne überhaupt richtig wahrgenommen zu haben, was er gerade tut. Lob oder Belohnungen haben mit Aufmerksamkeit nichts zu tun.

Aufmerksam sein bedeutet, besonders wenn wir uns umstellen müssen, oftmals richtig Arbeit. Wir müssen hinsehen (das richtige Hinsehen), darüber nachdenken und unsere Gedanken gegebenenfalls verbalisieren.

Vier Möglichkeiten, wie du deinem Kind Aufmerksamkeit schenkst, anstatt es zu loben und zu bewerten:

Einfach Lächeln: Dein 1-jähriger hilft dir beim Aufräumen in dem er auch einen Baustein zurück in die Kiste legt: Schenke ihm ein strahlendes (bis in die Augen!) Lächeln.

Beschreibe was du siehst: Deine Tochter malt eine ziemlich detaillierte Burg: Ich sehe deine Burg hat sogar einen Wassergraben bekommen!“

Freue dich ehrlich: Dein Sohn klettert ganz nach oben auf das Klettergerüst: Ich kann dich sehen, du bist ganz nach oben geklettert! Wow!

Danke sagen: Deine Kinder helfen dir beim Decken des Tisches: Danke für eure Hilfe. Jetzt habe ich mehr Zeit in Ruhe für uns zu kochen.

Entschuldige dich, wenn es nötig ist und auch wenn es das nicht ist

„Du darfst dich doch nicht bei deinen Kindern entschuldigen! Dann sehen sie, dass du schwach bist und tanzen dir bald auf der Nase herum!“

So oder so ähnliche Aussagen habe ich schon oft gelesen und gehört. Aus irgendeinem Grund ist für viele Menschen eine aufrichtige Entschuldigung ein Zeichen von Schwäche, das besonders von Kindern schamlos ausgenutzt würde. Ich nehme das Gegenteil an: Entschuldigungen zeigen unseren Kindern, dass wir nicht die Übermächtigen sind, die immer Recht haben. Auch Mama und Papa machen Fehler und können damit offen umgehen. Weil Fehler nun einmal zum Leben dazugehören. Warum sollten wir also unseren Kindern vorleben, wir sind unfehlbar? Ich stelle mir das als wahren Kraftakt vor und dazu ist es unehrlich und nicht authentisch. Wir dürfen und müssen uns auch bei unseren Kindern aufrichtig entschuldigen, wenn es nötig ist.

„Es tut mir leid, Schatz, dass ich dich gestern Abend angeschrien habe. Ich wahr sehr müde vom langen Arbeitstag und habe keine Geduld gehabt. Ich bitte dich um Entschuldigung.“

Alfie Kohn macht in seinem Werk „Liebe und Eigenständigkeit“ noch einen Schritt weiter und schlägt vor, sich regelmäßig bei seinen Kindern zu entschuldigen, es sich aktiv vorzunehmen. Das übt uns Eltern, festigt unsere Beziehung und unsere Kinder lernen einen offenen Umgang mit Konfliktsituationen.

Lebe Gleichwürdigkeit

Jesper Juul vertrat die Ansicht, dass wir in Familien bzw. den Beziehungen zu unseren Kindern keine Gleichberechtigung benötigen sondern Gleichwürdigkeit. Gleichberechtigung würde bedeuten, unsere Kinder sollten Entscheidungen treffen, die ihrem Alter einfach noch nicht entsprechen. Gleichberechtigung sei nach Juul eher ein politischer Begriff, der wenig mit Familienleben zu tun hätte. Was er jedoch forderte und da bin ich ganz bei ihm, ist Gleichwürdigkeit.

„Gleichberechtigung gehört zur politischen Terminologie: Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen«, z. B. Da geht’s um die Organisation des Alltags, die Verteilung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten usw. Gleichwürdigkeit ist was ganz anderes.
Die Meinungen, die Haltungen, die Träume von Kindern werden meistens von den Erwachsenen exkludiert, also ausgeschlossen. Mit Gleichwürdigkeit werden sie inkludiert, also mit einbezogen, soweit wie möglich und soweit wir
als Eltern meinen, das ist sinnvoll. […] Man sollte, wenn möglich, seine Kinder
wahrnehmen und ernst nehmen – und damit haben die meisten Eltern Probleme.

Jesper Juul (2010): Man merkt die Absicht und ist verstimmt, erschienen in: unerzogen

Wahrnehmen, ernst nehmen und einbeziehen – dies sind die Schlüssel um unsere Kinder gleichwürdig zu behandeln. Dabei behalten wir als Eltern jedoch immer die Entscheidungsmacht.

Erkläre Dinge, die du sagst und tust und möchtest

Ein eigentlich einfacher Punkt, der uns im Alltag aber oft schwer fällt, ist die Dinge, die wir von unseren Kindern möchten oder nicht möchten zu erklären. Versuch dir vorzustellen, wie du dich fühlen würdest, wenn dein Partner dir ständig nur Anweisungen, Verbote oder stakkatoartige Hinweise zu rufen würde.

„Leg die Schere wieder hin, das ist gefährlich!“

„Nein, es gibt jetzt keine Süßigkeiten!“

„Komm, Hände waschen!“

Fühlt sich das für dich gut an? Wahrscheinlich nicht, aber dennoch lassen wir uns im Alltag dazu hinreißen so mit unseren Kindern zu sprechen. Unbewusst sind wir dadurch den ganzen Tag nur damit beschäftigt Regeln aufzustellen und die Einhaltung dieser zu überwachen. Das ist furchtbar anstrengend für beide Seiten und macht niemanden glücklich. Wie wäre es daher, wenn wir versuchen mit unseren Kindern auf Augenhöhe zu reden und mehr zu erklären?

„Warte bitte mit der Schere, du könntest dich schneiden. Ich komme gleich zu dir und wir schneiden das Bild gemeinsam aus.“

„Wie wäre es, wenn wir einen Nachtisch für heute Abend vorbereiten? Dann können wir alle gemeinsam nach dem Abendessen etwas Süßes essen.“

„Lass uns zusammen Hände waschen gehen. Unsere Hände müssen ganz schmutzig sein nach unserem Ausflug auf dem Spielplatz.“

Mit diesen Kleinigkeiten gibst du deinem Kind mehr Raum für seine eigenen Wünsche, ihr tretet in ein Gespräch und trotzdem zeigst du ihm, was du als Mama jetzt wichtig findest und sanft, aber klar einforderst. Natürlich wird es nicht immer auf Anhieb funktionieren. Aber dann ist es die Mühe wert auf Ursachenforschung zu gehen. Ist mein Kind schon sehr müde? Hatte es einen anstrengenden Tag und braucht etwas Ruhe? Ist der Hunger zu groß? Ist es aufgeregt? Fast immer lassen sich Gründe finden, warum die Kommunikation momentan nicht einwandfrei funktioniert und du hast wieder eine Möglichkeit dort geduldig anzusetzen.

Lass deine Kinder teilhaben, selber erfahren und entscheiden

In den letzten Minuten hast du eine ganze Menge darüber gelesen, wie du die Beziehung zu deinem Kind verbessern und auf bedingungsloser Liebe aufgebaut, wachsen lassen kannst. Vieles davon wird dir nicht so leicht fallen, anderes dafür umso mehr. Und höchstwahrscheinlich fallen dir auch andere Dinge leicht, als deinem Mann. Oder deiner Nachbarin. Oder mir.

Es ist mir an dieser Stelle jedoch noch einmal wichtig zu betonen, dass wir in einer Familie alle von einer Veränderung in den Beziehungen untereinander profitieren. Ich bin überzeugt davon, dass es für dich eine Erleichterung sein kann, wenn du nicht mehr ausschließlich mit dem Verfolgen deiner selbst aufgestellten Regeln beschäftigt bist. Wenn wir unseren Kindern den Raum geben teilzuhaben am Familienleben (ich rede nicht von Gleichberechtigung oder Entscheidungsmacht! Siehe oben), Dinge selber auszuprobieren, Fehler zu machen und in ihren Möglichkeiten Entscheidungen zu treffen, dann wird uns das als Eltern in manchen Bereichen entlasten. Denn wir können auf diese Weise Eigenständigkeit fördern, wo wir ansonsten begrenzen würden.

Es erfordert einiges an Geduld (ein 1-jähriger, der beim Aufräumen hilft ist toll und süß aber auch langsam), Ausprobieren und Fehlschlägen. Aber das Ergebnis ist jede Mühe wert. Versprochen.

Titelbild: © JenkoAtaman / Adobe Stock #121096031

Veröffentlicht in Wissenschaft

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