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Bindung ist alles: Warum du dein Kind nicht schreien lassen solltest

9,2 Monate, 40 Wochen, 280 Tage, 6.720 Stunden, 403.200 Minuten oder 24.192.000 Sekunden – so lange trägst du dein Baby durchschnittlich unter deinem Herzen. Ihr seid eine Einheit und habt die engste Beziehung zueinander, die man sich nur vorstellen kann. Bereits im Mutterleib beeinflusst euer individuelles Wohlergehen den jeweils anderen unmittelbar. Geht es deinem ungeborenem Baby gut, geht es dir gut. Geht es der Mama gut, geht es auch deinem Ungeborenen gut. Doch plötzlich verändert sich etwas. Es kommt Bewegung in diese traute Zweisamkeit. Auf einmal ist da Schmerz, Licht, Blut und Atemlosigkeit. Dein Baby wird geboren, jetzt bist du Mama und dein Baby ist Kind. Freude, Liebe und Glück machen sich breit neben der Erschöpfung und Müdigkeit. Was du schon die vielen Wochen gespürt hast, ist jetzt Realität geworden: du bist Mama und plötzlich ist sie real: die Bindung zu deinem Kind.

Doch mit der Geburt verändert sich oft vieles für frisch gebackene Mütter. Mit einem Mal bist da nicht mehr nur du und dein Kind. Nein, mit dem Verlassen des Mutterleibs wird dein Baby Teil deiner Welt außerhalb. Völlig neu, grell und überfordernd für jemanden, der bisher in monotoner, roter Seeligkeit gehaust hat. Vermutlich wird dein Baby schreien. Mal mehr, mal weniger. Oft. Und sehr oft wirst du gerade am Anfang nicht wissen warum. Wenn du mit deinem Kind an dieser Stelle eurer Reise angekommen bist, lass mich dir nur einen Rat geben: Schreien lassen sollte für euch keine Option sein!

Am Anfang ist alles Bindung

Jedes frisch geborene Baby, jedes Kind und jeder Mensch hat ein inneres Bedürfnis nach Bindung. Es liegt in unseren Genen, in unserer Geschichte, dass wir bestrebt sind zu anderen Menschen ein enges Band zu knüpfen. Für ein Neugeborenes ist diese Bindung letztlich seine Überlebensgarantie. Wie die meisten Säugetiere ist auch das menschliche Kind nach der Geburt hilflos und wäre jeder Widrigkeit ohne andere Menschen schutzlos ausgeliefert. Zum Überleben benötigt es Menschen, die sich um es kümmern, es füttern, es wärmen, es tragen und berühren, mit ihm sprechen und es letztlich vor Gefahren schützen. Um das Überleben einer Spezies zu sichern, macht es evolutionsbiologisch betrachtet absolut Sinn dafür einen Sicherungsmechanismus einzubauen. Und dieser Mechanismus ist Bindung.

Bindung (ist) nach Bowlby ein Primärtrieb, der als prägungsähnlicher Prozess verstanden wird und dessen Anpassungswert die Suche nach Schutz in der Nähe der Mutter ist. Bindung bezeichnet nach Ainsworth ein Verhaltenssytem, das dafür zuständig ist, dass die Hauptpflegeperson beim Kind bleibt und ihm dadurch Schutz und Lernhilfe geben kann.

Schmid, M. (2019): Bindung, unter: https://m.portal.hogrefe.com/dorsch/bindung/

Eine stabile Bindung entsteht immer aus dem intakten Wechselspiel von kindlichem Bindungsverhalten und dem Fürsorgeverhalten der Bezugsperson.

Bindungsverhalten erkennen

Wird ein Kind geboren, kommt es mit einer absoluten Bereitschaft auf die Welt sich an eine Bezugsperson zu binden. Es zeigt von Beginn an Bindungsverhalten, welches das Ziel verfolgt eine Bezugsperson zu erreichen, die es beschützt und versorgt, Schutz bietet, seinen Stress reduziert und ihm dadurch hilft das Grundbedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit zu befriedigen. In den meisten (natürlich nicht allen) Fällen, ist diese Bezugsperson die Mutter des Kindes.

Doch wie zeigt dein Kind dir dieses Bindungsverhalten?

Dein Baby schreit herzzerreißend, dein Kleinkind klammert sich an deinen Beinen fest und weint oder dein Schulkind, welches dir den ganzen Tag schon auf Schritt und Tritt folgt. Sie alle zeigen Bindungsverhalten in dem sie versuchen in Verbindung mit dir zu treten. Denn Bindungsverhalten von Babys und Kindern ist darauf ausgerichtet Nähe zur Bezugsperson herzustellen. Das erfolgt auf unterschiedliche Art und Weise, je nach Alter, Gemütszustand, Situation usw.

Halten wir also fest: wenn dein Baby schreit (und das wird es oft tun, weil es noch keine anderen Fähigkeiten und Handlungsoptionen besitzt), dann ist das seine Art von Bindungsverhalten. Es möchte dich als Bezugsperson damit in seine Nähe bringen und letztlich dazu seine Bedürfnisse zu erfüllen. Das kann das Bedürfnis nach Nahrung, Schlaf, Zuwendung oder einfach nur deiner Nähe sein.

Fürsorgeverhalten oder elterliche Sensitivität

Das Bindungsverhalten deines Babys ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist dein Fürsorgeverhalten. In dem du dich nach der Geburt deines Kindes ganz auf es einlässt und dich fast automatisch der Erfüllung seiner Bedürfnisse hingibst, erfüllst du das Fürsorgeverhalten.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die Bindung zwischen Kind und Bezugsperson umso stabiler ist, desto fürsorglicher die Bezugsperson, also du, auf die Bedürfnisse des Kindes eingehe. Dabei sind die folgenden Kriterien ausschlaggebend:

  1. Bedürfnisse wahrnehmen
  2. Bedürfnisse richtig interpretieren
  3. Auf Bedürfnisse schnell (5-8 Sekunden bei Säuglingen) reagieren
  4. Auf Bedürfnisse angemessen reagieren

Laut Mary Ainsworth besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass Babys im Laufe des ersten Lebensjahres eine stabile Bindung zu ihrer Bezugsperson aufbauen, wenn der von ihr beschriebene feinfühlige Umgang mit den Bedürfnissen des Babys gelebt wird.

Was passiert mit der Bindung, wenn du dein Baby schreien lässt

Die Tage als Neu-Mama sind besonders in den ersten Monaten oft hart und lang. Du bekommst zu wenig Schlaf, zu wenig Ruhe, zu wenig Nahrung für Körper und Geist und oft fühlst du dich einsam obwohl du nie alleine bist. Und dann ist da dein Baby. Es weint, vielleicht weint es sogar sehr oft. Du tust das Beste, doch manchmal scheint es dir nicht genug zu sein. Dann tauchen da diese Stimmen in deinem Kopf auf oder es prasseln gut gemeinte Ratschläge auf dich ein.

  • Du darfst dein Baby nicht immer gleich hochnehmen, wenn es weint. Sonst wird es das irgendwann ausnutzen!
  • Babys müssen auch mal schreien, das ist gut für die Lungen.
  • Lasst ihn in seinem Bett ruhig ein paar Minuten schreien und wartet vor der Tür. Dann lernt es schnell alleine einzuschlafen.

Ja, in Ausnahmesituationen (und die Geburt eines Kindes ist eine!) neigen wir gerne dazu gegen unsere eigenen Überzeugungen zu handeln. Aus Ratlosigkeit, Verzweiflung oder auch Erschöpfung tun wir Dinge, die sonst nicht für uns in Frage kommen. Doch diesen Ratschlägen bzw. Meinungen zu folgen wäre keine gute Entscheidung.

Lassen wir unsere Kinder schreien, reagieren wir nicht auf ihre einzige Möglichkeit nach uns zu rufen, uns zu signalisieren: „Mama, ich brauche dich! Ich habe Hunger/Durst/bin müde/möchte bei dir sein.“ Auf das Bindungsverhalten unseres Kindes folgt also keine Reaktion unseres Fürsorgeverhaltens. Seine Rufe gehen ins Leere und werden nicht erwidert.

Auswirkungen von Bindung

Irgendwann wird jedes Baby aufhören zu rufen. Dies geschieht allerdings nicht, wie man meinen könnte, weil es nun plötzlich zufrieden ist. Ganz im Gegenteil schaltet sich das Bindungssystem in diesem Moment quasi selbst ab. Resignation. Dein Baby gibt auf, weil seine Rufe, Bitten nicht von dir erhört werden. Aus diesen, so wie jeder anderen Situation in der Bindungsverhalten aktiv ist, lernt dein Baby. Es lernt entweder, dass Mama (oder allgemeiner die Bezugsperson) reagiert, wenn ich schreie. Sie passt auf mich auf, geht auf meine Bedürfnisse ein und ich fühle mich besser. Mit jedem Mal, die dieses Gefühl bestätigt wird, wird die Bindung zwischen euch fester, stabiler. Die Zeiten, die dein Baby „warten“ kann, werden mit jedem Mal etwas länger. Einfach, weil es sich sicher fühlt.

Oder aber es lernt, dass seine Bemühungen auf sich aufmerksam zu machen nur unregelmäßig oder gar nicht bemerkt werden. Dass seine Bedürfnisse nicht von seiner Bezugsperson erfüllt werden und das es auf sich gestellt ist. Die Bindung zwischen deinem Kind und dir wird instabil, unstet und unsicher.

Im ersten Moment mag es sich für dich okay anfühlen. Schließlich ist dein Baby trotzdem irgendwie zufrieden, vielleicht erscheint es sogar viel zufriedener als andere gleichaltrige Kinder! Doch dies ist leider nur ein Trugschluss. Aus einer instabilen Bindung zwischen Kind und Bezugsperson resultieren für Kinder viele Nachteile. Einige davon bemerkt man früh, andere machen erst im Erwachsenenalter auf sich aufmerksam.

Auswirkungen einer unsicheren Bindung im Baby- und Kindesalter:

  • häufiger auftretende Angststörungen und
  • allgemein häufiger auftauchende psychische Erkrankungen
  • pessimistischeres Auftreten
  • Aggression
  • geringeres Selbstbewusstsein
  • Schwierigkeiten selbst Bindung einzugehen

Auswirkungen einer stabilen Bindung im Baby- und Kindesalter:

  • gute soziale und emotionale Kompetenz
  • besserer Umgang mit Stress
  • Fähigkeit Bindung zu Freunden/Lebenspartner einzugehen
  • weniger Ängste, auch in oder trotz belastenden/r Situation/en

Empfehlungen für den Umgang mit schreienden Babys

Es ist anhand dieser Fakten offensichtlich, dass du deinem Kind nichts gutes tust, wenn du es schreien lässt. Auch wenn andere einem dies als Wundermittel empfehlen. Jedes Mal Schreien lassen schadet der Bindung zwischen dir und deinem Kind und hat weitreichende, negative Folgen. Was solltest du also stattdessen tun, wenn dein Baby schreit?

  • Gehe einfühlsam auf die Bedürfnisse deines Babys ein.
  • Suche, am besten gemeinsam mit deinem Partner, nach Gründen für das Schreien deines Babys, wenn sie dir nicht klar sind.
  • Hol dir Hilfe von Experten (Kinderarzt, Schreiambulanz oder Familienhilfe), wenn ihr selbst nicht weiterkommt.
  • Lass dich entlasten und nimm dir Zeit für dich, um weiter für dein Baby stark sein zu können.
  • Erkenne, dass die Zeit mit Baby im Verhältnis gesehen sehr kurz ist und entspanne dich. Lass deine Ansprüche an dich fallen.

Mithilfe dieser Tipps schaffst du es für dein Baby da zu sein, dich selbst nicht aufzugeben und eure Bindung zu stärken.

Titelbild: © JenkoAtaman / Adobe Stock #275861931

Veröffentlicht in Wissenschaft

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