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Kinder richtig erziehen: ohne Strafen und Belohnung

Während meiner Schwangerschaft habe ich mir, wie wohl viele Erstmamas, oft die Frage gestellt: kann ich Kinder richtig erziehen? Und was genau ist eigentlich „richtig“? Wie finde ich raus was richtig ist und wen kann ich dazu befragen? Beobachten wir unsere Umwelt (schwanger oder nicht) einmal aufmerksam, dann kann man auf jeden Fall eine Menge darüber lernen, was andere tun um ihre Kinder zu erziehen.

Kinder richtig erziehen – wie es oft getan wird

„Eine Familie mit zwei Kindern, fünf und drei Jahre alt, macht einen Badeausflug mit Oma und Opa. Die Kinder rennen mit ihren aufgepusteten Luftmatratzen auf dem Weg zum Badestrand aufgeregt vor und wieder zurück zu den Erwachsenen. Mit den sperrigen Luftmatratzen drücken sie sich immer wieder an den Erwachsenen vorbei und rempeln diese damit an. Beim dritten Mal reißt der Mutter der Kinder schließlich der Geduldsfaden und sie schreit ihren weglaufenden Kindern aufgebracht hinterher sie sollen nun gefälligst langsam gehen und nicht so ein Theater machen. Ansonsten würden sie gleich wieder umdrehen und nach Hause fahren. Der jüngere Sohn hält an und läuft sichtlich eingeschüchtert neben den Erwachsenen her, während der ältere Bruder seine Mutter versucht in ein Gespräch zu verwickeln. Die ständigen Unterbrechungen durch den Sohn im Gespräch mit den anderen Erwachsenen machen die Mutter immer wütender. Schließlich droht sie ihrem Sohn mit Fernsehverbot am Abend, wenn er jetzt nicht aufhörte die Erwachsenen zu stören. Auch er trottet anschließend still nebenher, seine Luftmatratze schleift auf dem Boden.“

Kindererziehung ist für die meisten mit zwei Begriffen eng verknüpft, die den Umgang mit ihren Kindern definieren: Strafe und Belohnung.

Strafe

Gestraft wird unerwünschtes Verhalten der Kinder, wie bspw. zu lautes Kreischen/Reden, mit dem Essen spielen oder nicht teilen. Mithilfe von Sanktionen erhoffen sich Eltern das Verhalten ihrer Kinder nachhaltig verändern zu können – nämlich so, dass die Kinder „hören“ und den Anweisungen der Eltern folgen.

Die Strafen sind z.B.:

  • Auszeiten im Kinderzimmer
  • Fernsehverbot
  • Süßigkeitenverbot
  • kein Spielplatzbesuch
  • ohne Gute-Nacht-Geschichte ins Bett
  • usw.

Nachdem Eltern ihre Strafen zunächst androhen („Wenn du nicht gleich artig bist, dann…“), werden sie mehr oder weniger schnell umgesetzt und haben in der Regel auch einen Effekt. Die Kinder toben, weinen, schreien aufgrund der Bestrafung und zeigen hinterher meist eine Reaktion, in dem sie plötzlich folgsam sind. Sie kooperieren mit ihren Eltern.

Alternativ für den Begriff der Strafe wird heute auch gerne etwas weicher von Konsequenz gesprochen. Das Ergebnis bleibt jedoch identisch.

Belohnung

Belohnung verfolgt den selben Zweck auf anderem Wege. Kinder werden für erwünschtes Verhalten belohnt, wie bspw. das ruhige Sitzen am Esstisch, Erledigen der Hausaufgaben oder ordentliche Aufräumen des Kinderzimmers. Dies soll die Kinder ermutigen dieses Verhalten wieder und wieder zu zeigen. Auch hier geht es darum, die Kinder dazu zu bringen, dass sie den Wünschen ihrer Eltern folgen.

Belohnungen sehen z.B. so aus:

  • Sternchen für gute Leistungen werden gesammelt und können für Wünsche eingelöst werden
  • Süßigkeiten/Kuchen/Eis für braves Verhalten
  • Spielzeug aussuchen nachdem ein Kind besonders artig war
  • usw.

Die Wirkung von Strafen und Belohnungen

Auf den ersten Blick zeigen Strafen und Belohnungen den gewünschten Effekt bei den Kindern. Eltern gewinnen schnell den Eindruck, so könne man Kinder richtig erziehen. Was jedoch wirklich passiert, bemerken viele Eltern nicht: sie beschädigen die Beziehung zu ihren Kindern mit jeder Strafe oder Belohnung. Warum?

Strafen und Belohnungen sind Ausdruck einer Erziehungsmethode, die sich auf einem Machtverhältnis aufbaut. Der Mächtige (die Eltern) bestimmt über den Schwachen (die Kinder). Das Instrument des Mächtigen ist dabei ein besonders perfides und damit oft erfolgreiches: Liebesentzug.

Ihr fragt euch jetzt vielleicht, was eine Strafe für das Hauen der Schwester mit Liebesentzug zu tun hat? Oder noch viel mehr, warum eine Belohnung oder ein Lob für euer Kind am Ende nichts anderes als eine Form des Liebesentzuges sind? Es ist eigentlich ganz einfach erklärt.

Strafen und Belohnung/Lob knüpfen eure Liebe zu eurem Kind an Bedingungen.

Ich möchte dafür gerne zwei Beispiele geben, die verdeutlichen warum beide Instrumente eurem Kind signalisieren, eure Liebe zu ihm ist an Bedingungen geknüpft.

Beispiel 1: Strafe

Ihr sagt: „Hendrik, du gehst heute Abend ohne Gute-Nacht-Geschichte ins Bett, weil du deine kleine Schwester gehauen hast. Das ist nicht nett gewesen von dir!“

Euer Kind versteht: „Mama findet mich nicht nett, wenn ich meine Schwester haue.“

Und weiter vielleicht: „Ich bin nicht nett, wenn ich haue.“

Beispiel 2: Lob

Ihr sagt: „Hendrik, du hast ganz toll mit deiner kleinen Schwester dein Spielzeugauto geteilt.“

Euer Kind versteht: „Mama findet mich toll, weil ich geteilt habe“.

Und weiter: „Ich bin nur toll, wenn ich teile.“

Bei beiden Mitteln senden Eltern unbewusst zwei Botschaften immer mit:

  1. Wir mögen dich weniger, wenn du nicht machst was wir möchten/sagen/gut finden
  2. Du bist weniger wert, wenn du nicht machst was wir möchten/sagen/gut finden

Puh. Das ist hart. Ja, leider ist das jedoch noch nicht alles. Denn Strafen führen bekanntermaßen dazu, dass wir wütend werden, wir uns dem Mächtigeren ausgeliefert fühlen und wir anschließend irgendwann nicht mehr auf sie (die Strafen und die Mächtigeren) reagieren. Daher werden die Strafen, die sich Eltern überlegen müssen über kurz oder lang immer gemeiner und härter, bis irgendwann nichts mehr zu „wirken“ scheint. Die Beziehung zwischen Eltern und Kind ist an dieser Stelle meist schon so angeknackst, dass die Kinder entweder nur noch bestrebt sind „ein gutes Kind zu sein“ und dies auch immer wieder erfragen müssen oder aber den kompletten Widerstand gegen ihre Eltern leben. Beides ist der traurige Ausdruck einer geschädigten Eltern-Kind-Beziehung und eines durch Liebesentzug verringerten Selbstwertgefühls.

Belohnungen wirken auf der anderen Seite, auch wenn sie so harmlos klingen, ähnlich fatal. Denn Lob macht süchtig und blockiert die natürliche intrinsische (innere) Motivation des Kindes. Anstatt das Kinder, die viel und überschwänglich gelobt werden, davon beflügelt werden, wird es sie ausbremsen. Die Handlungen als solche verlieren für sie ihren Wert und es geht ausschließlich nur noch darum Dinge zu tun, die Belohnungen oder Lob einbringen (extrinsische Motivation).

Kinder richtig erziehen – wie du es tun solltest

Vermutlich versuchen sehr viele (fast alle) Eltern irgendwann einmal ihre Kinder auf diese Art und Weise zu erziehen. Und es ist ja auch erfolgreich – für die Buchindustrie und eine große Anzahl selbst ernannter Erziehungsexperten. Für Eltern und vor allem Kinder ist diese autoritäre Erziehungsmethode eigentlich nie ein Erfolg gewesen. Warum schwirren sonst so viele Ratgeber auf dem Markt herum, die uns erklären wollen, wie wir uns noch besser durchsetzen, konsequent sind oder die Oberhand behalten? Es wäre doch eine kluge Idee, genau an dieser Stelle aus dem System auszusteigen. Halt. Stopp. Bis hierhin und keinen Schritt weiter.

Und dann?

Was sollst du jetzt tun, um dein Kind richtig zu erziehen?

Ganz, ganz (ganz!) einfach:

Liebe dein Kind.

Liebe dein Kind, bedingungslos und so wie es ist. Ohne Wenn und Aber. Ohne Angst davor zu verlieren, deine Position als Mächtige(r) aufzugeben und in einem Strudel des Chaos zu versinken. Glaube mir, es wird nicht passieren.

Leitlinien für eine gute Beziehung zu deinem Kind

Das klingt dir jetzt zu einfach oder doch zu sehr nach einer spirituellen Abwegigkeit? Ich gebe dir gerne ein paar handfeste Tipps an die Hand, wie du dein Kind ohne Strafe und Lob richtig erziehen kannst.

  • Finde dich selbst und lebe Authentizität
  • Sieh dein Kind immer positiv
  • Höre mehr zu, rede selbst (viel!) weniger
  • Sei aufmerksam
  • Entschuldige dich, wenn es nötig ist und auch wenn es das nicht ist
  • Lebe Gleichwürdigkeit
  • Erkläre Dinge, die du sagst und tust und möchtest
  • Lass deine Kinder teilhaben, selber erfahren und entscheiden

Nichts von diesen Dingen ist etwas besonderes oder herausragend schwieriges. Aber wenn du es schaffst, dich nur an ein paar dieser Punkte zu orientieren, wird sich die Beziehung zu deinem Kind verändern. Sie wird stärker werden, dein Kind wird stärker werden, du wirst stärker werden.

Dich interessiert, was die Leitlinien für eine gute Beziehung zu deinem Kind genau bedeuten und wie du diese im Alltag umsetzen kannst? Dann lies hier mehr dazu im zweiten Teil meines Artikels.

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Titelbild: © rastlily / Adobe Stock #155177046

Veröffentlicht in Wissenschaft

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