Springe zum Inhalt →

Kinderbilder

„Die möchte dich bloß provozieren!“

„Wenn du ihm das jetzt durchgehen lässt, dann tanzt er dir bald auf der Nase herum!“

„Eine Auszeit hat noch immer funktioniert – danach hört er wieder!“

Unsere Kinder haben es nicht leicht. Sie leben in einer Welt, die uns Erwachsenen gehört und auf der Basis unserer Bedürfnisse gestaltet ist. Doch nicht nur das. Kindern werden von Erwachsenen auch heutzutage noch Absichten und Verhalten unterstellt, welche darauf ausgerichtet seien es Eltern möglichst schwer zu machen. Hört man einmal hin, dann sind Kinder im gesellschaftlichen O-Ton oftmals manipulativ, egoistisch, hinterlistig und teils sogar niederträchtig. Kinderbilder welche viele Erwachsene von Kindern haben sind dunkel eingefärbt. Die Wurzeln für diese Kinderbilder lassen sich bereits im Bürgertum des 18. und 19. Jahrhunderts finden. Unter dem Begriff „schwarze Pädagogik“ fasste Katharina Rutschky einen Zeitgeist zusammen der sowohl in theoretisch-wissenschaftlicher als auch praktisch umgesetzter Weise die Ansicht vertrat, Kinder müssten gebändigt und jeglicher Freiheit beraubt werden. Die Mittel hierfür waren Kontrolle, Manipulation, bis hin zur  physischen oder psychischen Gewalt. 

Schwarze Pädagogik in heutigen Kinderzimmern

Die Tatsache, dass sich Ansichten und Praktiken der schwarzen Pädagogik in gewisser Weise auch heute noch wiederfinden lassen, betrifft im 21. Jahrhundert keinesfalls nur die älteren Generationen. Auch unter jungen Eltern trifft man diese Kinderbilder an. Auf den ersten Blick vielleicht nicht leicht zu erkennen, aber moderne Erziehungsmethoden wie die populäre stille Treppe, das Aufkleben von Sternchen für besondere Leistungen oder auch die immer wieder berühmt-berüchtigten Schlaftrainings unterliegen alle einer jahrhundertealten Vorstellung: Kinder müssen von ihren Eltern kontrolliert werden. Werden sie nicht kontrolliert (heute sagen wir: erzogen), dann machen sie in kürzester Zeit nur noch was sie wollen und das sind natürlich selten Dinge, die Erwachsene gut heißen würden. So werden Kindern vorschnell nur dunkle, böse Gründe für ihr Verhalten zugeschrieben. 

Wie Kinder von uns missverstanden werden

Neulich im Spielkreis berichtete eine junge Mutter, ihre Tochter ist ca. 2,5 Jahre alt, dass Lena bei allen anderen immer brav und lieb sei. Mit Oma und Opa sowie dem Papa gäbe es niemals Probleme. Nur bei ihr benehme sie sich trotzig, störrisch und einfach daneben. Die einhellige, ohne Zögern gefällte Meinung der anwesenden Mütter inklusive Leitung des Spielkreises? Lena mache das, weil sie ihre Mutter als schwach einstuft. „Mit dir hat sie gemerkt, darf sie so umgehen. Die möchte dich provozieren! Da solltest du mehr durchgreifen.“ Einem 2,5 Jahre alten Kind wird mehrheitlich unterstellt, es würde gezielt manipulieren und Handlungen berechnen, die es gegen die eigene Mutter einsetzt. Das klingt hart. Ja. Das ist es auch – aber nur für Lena. Denn Lena verhält sich wie viele Kinder sich auch in höherem Alter noch verhalten. Sie zeigt bei ihrer Mutter, ihrer ersten Bezugsperson, dem sicheren Hafen, ihre wahren Gefühle. Nichtsdestotrotz wird das kindliche Verhalten durch alle Anwesenden ausschließlich negativ interpretiert und die Mutter mit Ratschlägen zur strengeren Erziehung konfrontiert. Ein Phänomen, das einem leider sehr häufig, in zahlreichen Alltagssituationen begegnet. 

Ein anstrengender Nachmittag bei Oma und Opa geht zu Ende und Lena war den ganzen Tag das liebste Kind. Oma und Opa schwärmen in den höchsten Tönen von ihrer Enkelin. Kaum haben Mama und Kind jedoch das Haus der Großeltern verlassen, möchte Lena plötzlich nicht in das Auto einsteigen und lässt sich auf den Boden fallen. Ein Drama mit vielen Tränen bei Lena und einer lauten, verzweifelten Mutter nimmt seinen Lauf. 

An diesem Punkt geht es Lena weder um das zwanghafte Durchsetzen ihres Willens, noch hat sie ihre Mama weniger lieb als Oma und Opa. Nein, der Tag war lang, anstrengend, ereignisreich und voller Eindrücke. Für Kinder, die alles noch weitgehend ungefiltert aufnehmen, eine riesige Herausforderung. Und jetzt ist Mama auch noch böse, es gibt lautes Zanken und Streit. 

Bestätigt durch die Worte der anderen Mütter, die noch in ihr widerhallen, bleibt Lenas Mama hart und „greift durch“. Abends geht Lena zur Strafe für ihr Verhalten am Tag ohne ihre Gute-Nacht-Geschichte ins Bett. 

Bedingungslose Liebe kann die Lösung sein

Gänzlich unbemerkt hat durch diese Alltagssituation die Beziehung von Lena und ihrer Mutter einen kleinen Riss bekommen. Warum? Weil Kinder von uns Eltern viel zu oft schwarz gemalt werden anstatt bunt. Kinder verfolgen, vor allem in diesem jungen Alter, keine niederen Absichten und möchten uns ganz sicher nicht manipulieren. Sie sind auch mit zwei, drei oder sechs Jahren noch viel kürzere Zeit auf dieser Welt als wir und haben ebenso wie wir Sorgen, Ängste und Nöte. Es ist an uns Eltern diese zu erkennen und liebevoll damit umzugehen.

Das ist unter dem oftmals enormen gesellschaftlichen Druck schwierig, keine Frage. Jedoch müssen sich Eltern die Frage stellen, welche Art von Beziehung sie mit ihrem Kind führen möchten, was sie ihnen mit auf den Weg geben wollen und vor allem was für Eltern sie sein möchten. Dabei ist die Wahl nicht zwischen schwarz und weiß zu treffen. Die allgemein verbreitete Ansicht, Eltern könnten nur richtig durchgreifen (gerne mithilfe von Sanktionen und Belohnungen) oder aber ihr Kind völlig frei seinen Willen ausleben lassen, ist stumpf und grundsätzlich falsch. Es besteht niemals die Notwendigkeit, auch wenn sie einem gerne suggeriert wird, nur zwischen zwei Extremen zu wählen. Vielmehr sind Eltern heutzutage gefordert ihren eigenen Weg zu finden und ein inneres Bild ihres Kindes zu entwickeln, welches nicht durch veraltete Theorien oder einen in der Vergangenheit verhafteten Zeitgeist geprägt wurde.  Denn Kinder brauchen von Eltern eigentlich nur eins: bedingungslose Liebe.

Zeit für ein neues Kinderbild

Wer bedingungslos liebt, der möchte die Wut und Verzweiflung des Kindes verstehen, wenn es auf dem Boden sitzt und nicht ins Auto steigen möchte. Wer bedingungslos liebt, muss das Verhalten des Kindes nicht als Kränkung des eigenen Egos interpretieren. Oder als wildes Aufbegehren, welches unterbunden werden muss. Wer bedingungslos liebt, kann abends Gute-Nacht Geschichten vorlesen und sein Kind liebevoll in den Schlaf begleiten, ganz egal was auch immer am Tag passiert sein mag. Es ist dringend an der Zeit ein anderes Kinderbild in die Köpfe einziehen zu lassen. Eines, dass sich nicht an Mythen, Allgemeinplätzen oder veralteten Vorstellungen orientiert, sondern wissenschaftlich fundiert, reflektiert und vor allem positiv ist. Alfie Kohn schreibt in seinem Werk „Liebe und Eigenständigkeit“:

„Ein Kind großzuziehen ist nichts für Schwächlinge. […] Eben weil es so schwierig ist, sind wir vielleicht versucht, unsere Energie darauf zu konzentrieren, den Widerstand unserer Kinder zu durchbrechen und sie zu bewegen, das zu tun, was wir ihnen sagen. Wenn wir nicht aufpassen, kann das unser Hauptziel werden. Es kann passieren, dass wir uns all den Leuten um uns herum anschließen, die Fügsamkeit und kurzfristigen Gehorsam bei Kindern über alles schätzen.“

Als Eltern, die die große Verantwortung für ein junges Leben tragen, sollten wir es uns zur wichtigsten Aufgabe machen, uns nicht dem einfachen Weg der allgegenwärtigen dunklen Bilder von Kindern hinzugeben. Unsere Kinder haben all unsere Liebe verdient ohne Abwägen oder Bedingungen. Und unsere Kinder haben verdient, dass wir sie sehen wie sie wirklich sind: kleine aber vollwertige Menschen, die aufblühen, wenn wir dies denn zulassen.

Titelbild: © sonyachny / Adobe Stock #206045216

Veröffentlicht in Wissenschaft

Kommentaren

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.