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Starke Mütter

Beschäftigt man sich mit dem Komplex der Kindererziehung in unserer Gesellschaft, wird man früher oder später unwillkürlich mit dem Rollenbild der Mutter konfrontiert. Der Begriff „Eltern“ umfasst zwar in der Regel sowohl Vater und Mutter, aber historisch gesehen, spielten die Hauptrolle in der Kindererziehung zumeist die Mütter.

Was ist eine Mutter?

Laut Definition ist eine Mutter die „Frau, die ein oder mehrere Kinder geboren hat“ und/oder „die in der Rolle einer Mutter ein oder mehrere Kinder versorgt, erzieht“ (siehe: https://www.duden.de/rechtschreibung/Mutter_Frau_Kinder_Natur). Es ist demnach nicht zwangsläufig die Geburt, die eine Frau zu einer Mutter macht. Mutter kann auch eine Frau werden, die kein eigenes Kind geboren hat aber bspw. ein Kind adoptiert. Das Rollenbild der Mutter bezieht sich dabei auf beide Personengruppen und unterscheidet nicht zwangsläufig zwischen diesen.

Mütter in der Geschichte

Bereits in der Antike ist die Göttin Hestia, Hüterin des Herd- und Staatsfeuers, Sinnbild der weiblichen Rolle in der Gesellschaft. Frisch vermählte, junge Frauen trugen so symbolisch ein Feuer aus dem Haus ihrer Mutter in ihr neues Zuhause, um dort ebenfalls von der Göttin gesegnet zu werden. Zudem ist Hestia die einzige griechische Göttin, die niemals in Krieg oder Streitigkeiten verwickelt war. Vielmehr glänzt sie durch ihre Passivität (siehe: https://artedea.net/hestia/).

An dieser Stelle spiegelt sich die häufig anzutreffende Zuordnung der Frauen (und in den allermeisten Fällen auch Mütter) zu den häuslichen Tätigkeiten. Das Muttersein ergänzt dieses Rollenbild, da Frauen von jeher aufgrund ihrer Fruchtbarkeit verehrt wurden, teilweise in der Geschichte sogar für ihre Mutterschaft ausgezeichnet. Bekannt ist die Auszeichnung von Müttern mit vielen Kindern mit dem sogenannten „Mutterkreuz“ durch die Nationalsozialisten. Durch dieses wurden Mütter für ihren Einsatz von „Leib und Leben“ während der Geburt ab dem vierten Kind in ihrer wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe hervorgehoben.

Auch heute verehren wir noch unsere Mütter. In vielen Ländern wird seit Beginn des 20. Jahrhunderts der Muttertag gefeiert. Wurzeln dieser Tradition reichen ebenfalls weit zurück, bis zu den Griechen und ihren Festen zu Ehren der Fruchtbarkeitsgöttinnen.

Mütter in der Gegenwart

Betrachtet man das gegenwärtige Idealbild einer Mutter, bspw. in der Fernsehwerbung, fällt sofort auf, dass die historische Überhöhung von Frauen als Mütter auch heute noch anzutreffen ist. Mütter sind scheinbar wahre Profis des Multitaskings, schaut man sich die oftmals zugeschriebenen Aufgaben an:

  • Mütter sind zuständig für die Pflege der Kinder,
  • für den ordentlichen Haushalt,
  • die regelmäßige Versorgung aller Haushaltsmitglieder mit Nahrung,
  • dafür, für Gemütlichkeit und Wohnlichkeit zu sorgen,
  • die Kinder zu strebsamen, freundlichen und erfolgreichen Erwachsenen zu erziehen,
  • sich um die Haustiere zu kümmern, usw.
  • Mütter gehen halbtags arbeiten und sorgen dafür, finanziell unabhängig zu sein,
  • sind daneben aber immer noch eine leidenschaftliche Frau für ihren Mann.

Dabei werden ihnen zudem häufig recht klassische Attribute/Eigenschaften zugeordnet. Mütter seien:

  • freundlich und besonnen,
  • gepflegt,
  • fürsorglich,
  • emsig,
  • multitaskingfähig,
  • streng bzw. konsequent,
  • aufmerksam und
  • liebevoll

In Summe klingt das alles nicht besonders fortschrittlich, was jedoch zunächst nicht verwunderlich ist. Rollenbilder sind kulturell und gesellschaftlich höchst unterschiedlich und etablieren sich über einen langen, generationsübergreifenden Zeitraum. Unser Verständnis von einer Mutter wurde maßgeblich davon geprägt, wie wir unsere eigenen Mütter erlebt haben. In der Studie „Familienleitbilder in Deutschland“ (2012) zeigte sich, dass Leitbilder sich unabhängig von wirklichen institutionellen Gegebenheiten bilden. Was die Untersuchenden unter anderem damit erklären, dass Einstellungen und Verhaltensweisen bspw. von Müttern an Töchter weitergegeben werden. Dadurch entwickeln diese in Folge ähnliche Vorstellungen und Leitbilder bleiben bestehen (Schiefer, Naderi 2012: S. 169).

Das Rollenbild der Mutter und dessen Einfluss auf Kindererziehung

Was hat das nun mit Kindererziehung zu tun? Ganz einfach: Wir Mütter haben einen sehr großen Einfluss auf unsere Kinder. Oft sind wir die Hauptbezugsperson und spielen demnach eine wichtige (die wichtigste?) Rolle im Leben der Kinder. Eine Tatsache, die viele frische Mütter mit voller Wucht im Wochenbett trifft und sie nicht selten erst einmal an sich selbst zweifeln lässt. Auch ich bin in den ersten Wochen ziemlich ins Straucheln geraten, weil die Verantwortung kaum zu bewältigen scheint.

Die Erziehung von Kindern ist so eng verwoben mit uns Müttern, dass ein Rollenbild diese Erziehung natürlich beeinflussen muss. Bereits während der Schwangerschaft wird eine werdende Mutter mit ihrer zukünftigen enormen Verantwortung konfrontiert. Nach der Geburt des Kindes wird dann für viele junge Mütter noch sehr viel deutlicher, dass sie sich, ohne es zu merken, im abgesteckten Rahmen eines gesellschaftlichen Rollenbilds bewegen. Nicht nur, dass sich die Lebensgestaltung plötzlich komplett auf links dreht. So werden viele Mütter direkt mit Anforderungen und Vorstellungen ihrer Umwelt konfrontiert. Einige Beispiele von vielen, die mir als frisch gebackene Erstlingsmama untergekommen sind:

  • Stillen ist ein Muss, es ist schließlich das Beste für das Kind. Aber ja nicht zu lange, dann werden die Kinder verwöhnt.
  • Ihn jedes Mal gleich hochzunehmen, wenn er schreit ist aber sehr überfürsorglich.
  • Wenn er bei euch im Bett schläft, kriegt ihr ihn da bestimmt nie wieder raus.

All diese Erwartungen und Meinungen entstehen bei unserer Umwelt auf Basis des Rollenbilds einer Mutter und es liegt in der Natur des Menschen diese gerne nach außen zu tragen. Das Rollenbild der Mutter beeinflusst also unmittelbar die Erziehung unserer Kinder. Entweder, weil wir Mütter uns in diesem Rollenbild wiederfinden oder auch weil wir uns bewusst oder unbewusst dagegen entscheiden.

Die gute Mutter

Mutterschaft wird auch heute noch sehr stark idealisiert und dies erzeugt unwillkürlich einen immensen Druck auf jede von uns. Sei es durch fremde Erwartungen, als auch durch die eigenen. Idealvorstellungen, wie eine Mutter sein sollte, um letztlich als „gute Mutter“ zu gelten, werden uns nahezu überall präsentiert und machen es unmöglich sich diesen zu entziehen. Also müssen wir Mütter uns mit diesen auseinandersetzen, sie hinterfragen und nicht einfach hinnehmen. Auch wenn uns Werbung, Familie, Nachbarn, Institutionen oder eigene Zweifel etwas anderes entgegen schreien. Jede Mutter, egal wie sie zu einer geworden ist, hat das Recht selbst zu entscheiden, was für eine Mutter sie sein möchte.

Die gute Mutter existiert nicht.

Müssen wir Mütter uns also entscheiden? Ich meine ja.

Wir müssen uns entscheiden, zuerst das Beste für uns selbst und damit unwillkürlich das Beste für unsere Kinder zu tun. Geschieht dies auf einem Fundament aus bedingungsloser Liebe füreinander, werden wir Mütter stark sein und unsere Kinder zu ebenso starken Erwachsenen heranwachsen.

Denn ich glaube daran, starke Mütter haben starke Kinder.

Titelbild: © Jacob Lund / Adobe Stock #203069227

Veröffentlicht in Wissenschaft

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